Flea, fly, Fliesen! Meet Salome Kuratli

Das Schöne am sommerlichen Ferien(s)pass: Immer wieder bringt jemand spannende Impulse mit ein! 2018 war die Architektin und Künstlerin Salome Kuratli (Atelier akurat.li) mit von der Partie und bot einen Workshop zum Thema „Relief“ an. Unter den alten Eichen beim See entstand ein sommerliches Freiluft-Atelier, das konzentrierte Kreativität und fröhliche Singspiele à la „Flea, fly, flow“ förderte. Das tönt lässig und war es auch : ) Und die Ton-Fliesen, die dabei entstanden, lassen sich ebenfalls sehen!

P.S.: Der nächste Ferienspass findet vom 18.-28. Juli 2019 statt. Anmeldungen sind ab sofort möglich.

Impressionen vom Fliesen-Workshop. Für die Reliefs kamen zum Einsatz: 10kg Ton, ein selbst gebauter Ofen, eine zünftige Prise Spass, viele grosse & kleine Hände, Phantasie sowie Schürhaken, diverse Naturmaterialien, Bierdeckel etc. I Fougerette, Sommer 2018

 

1. Salome, Du verknüpfst in Deiner Arbeit Architektur, Landschaft und Raumentwicklung – wie ist es zu dieser Kombination gekommen?

Liebe Monika, zuerst einmal vielen herzlichen Dank für dein Interesse und die tolle Zeit auf Fou mit Ferien(s)pass! Wunderschöne, produktive Sommerferien waren das!

Auf Deine Frage hin will ich es so sagen: Ich bin gerne draussen und auch gerne unterwegs. Ich betrachte, was mich umgibt und mache mir Gedanken zu den erlebten Orten. Es beschäftigt mich, wie es wohl zu einer anderen Zeit dort war, oder auch, was hier noch werden könnte.

Später entwickle ich meine Projekte aus diesen Beobachtungen von Veränderungsprozessen. Ob es Architektur, Landschaft oder Raumentwicklung ist, kommt auf den Ort und die Fragestellung an. Nur am Bildschirm zu entwerfen und alle Entscheidungen am Computer zu fällen, das ist wie in einem geschlossenen System zu arbeiten. Es stimmt für mich nicht und inspiriert mich auch nicht genügend für meine Arbeit an zukünftigen Räumen.

Unabhängig von der Aufgabenstellung, ist mein stetes Anliegen, dass alle Sinne miteinbezogen sind.

In meiner Branche, der Architektur, wird es leider als besonders chic gehandelt, wenn die Welt komplett an der Glasoberfläche des Bildschirms begriffen und auf diesem Weg auch neu geschaffen wird. Das heisst dann City 4.0 und wir werden aufgefordert sein, unsern Computer immer dabeizuhaben, damit wir in jenen Räumen funktionieren und überleben können. Das ist eine etwas traurige Aussicht.

Was ich möchte, sind vielgestaltige und wandelfähige und erlebnisreiche Räume für uns, die uns immer wieder aufs Neue inspirieren. In der Architektur, im Landschaftsraum wie auch in der Raumentwicklung gilt es eine entsprechende offene Entwicklungskultur zu pflegen.

Das spannendste am Raum muss sein, dass er auch in Zukunft immer Verhandlungssache bleibt – so wie das auch mit unserer Identität sein sollte.

Dieser Gedankenstrang sprengt allerdings den Rahmen der gestellten Frage…

 

2. Wie kombinierst Du diese drei Bereiche?

Die Kombination ist eine Sichtweise, die von einer Vielfalt an Blickwinkel geprägt ist.

Übrigens ist genau dies der Vorteil vom Arbeiten mit Computern. Man kann extrem rasch von einer Detailansicht zur Vogelperspektive wechseln. Man kann sehr viel in sehr wenig Zeit entdecken. Die Illusion, durch virtuelle Raummodelle zu gehen, ist eben auch sehr erlebnisreich; unbestritten. Auch immer neue Techniken und Programme lassen sich entdecken, welche die Kreativität herausfordern und somit auch neue Produktionswege erschliessen. Mit dieser riesigen Vielfalt an Möglichkeiten experimentiere ich sehr gerne. Ich bin nur nicht Fan von geschlossenen Produktionskreisläufen aus der IT, weil ein auf Effizienz getrimmter Produktionsweg nicht per se Nachhaltigkeit enthält.

Ganz spannend finde ich deshalb das junge Feld der digitalen Nachhaltigkeit und die Fragen, wie es für die nächsten Generationen aussieht.

 

3. Was fasziniert Dich denn an Reliefs?

Das Relief ist ein Bild, welches mit Geschichte aufgeladen ist. In den Untiefen und Schattierungen mit plastischer Qualität lässt sich Vergangenes wie eine Landschaft lesen. Zudem hat das Relief etwas Greifbares, was ertastet werden kann. Das gefällt mir ausserordentlich.

Wie der und die einzelne es liest, ist offen. Oft erzählt ein Relief durch seine Machart von der Geschichte seiner Produktionszeit. Hier im Schloss kann man sehr schöne Details und Hinweise entdecken. Wir haben gemeinsam gerätselt und wir malten uns aus, wie die Produktionsstätte industrialisiert war, um bestimmte Fliesen hervorzubringen.

 

4. Hast Du auch schon grosse Arbeiten realisiert?

Wellenband am Lochergut, Zürich. Bild: poolarch.ch

Das grösste Relief, welches ich selbst je bearbeiten durfte, ist das Fassadenband vom Geschäftszentrum Lochergut in Beton. Ein Element ist 7 Meter lang und 8 Tonnen schwer. 2005 war ich als Praktikantin bei Pool Architekten und bekam die Aufgabe, diese Betonelemente zu entwickeln. Meine Zeichnungen wurden in CNC-Maschinenpfade umgewandelt und die Detailpläne direkt im Betonwerk für die Produktion benutzt. Das Spannende an der Gestaltung war, jenen Rhythmus von Stegen und Kerben auszuarbeiten. Die minimale Untiefe der Kerbe in der Mitte des Betonelements, entspricht dem Minimum, was die Materialstärke des Schalungsbaus erlaubte. Ein durch das Sonnenlicht erzeugtes, optisch dezentes Wellenband an der Fassade ist das Resultat.

Tischplatte mit Relief von Salome Kuratli. Bild: akurat.li

Später, 2009, forschte ich ein ganzes Jahr an einer Wand- und Tischplattenproduktion; wobei ich auch immer die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen suchte. Das Thema Relief in unterschiedlichen Materialien nach ausgesuchten Bildern zu produzieren, war so faszinierend, dass ich damals meine Produktionsplattform akurat.li gründete. Je nach Auftragslage, tüftle ich weiter daran, Orte mit Geschichten zu bespielen.

Das müssen nicht immer Reliefs sein. Die Themen der Raumentwicklung, Wahrnehmung und Orientierung, von physisch, kulturell und digital gewachsenen Räumen spielen auch in meinen andern Projekten eine wichtige Rolle

 

6. Auf Fougerette hast Du Reliefkacheln aus Ton gebrannt. Wie kam es dazu und welches waren die besonderen technischen Herausforderungen?

Der Abenteuerplatz am See unter den altehrwürdigen Eichen war sehr inspirierend und auch tagsüber angenehm schattig. Der Ort wurde rasch zu meinem Fou-Freiluftatelier. Ich hatte 10kg Ton mit nach Fougerette gebracht, um endlich wieder mal experimentieren zu können.

Ebenfalls dort am See liegt die Feuerstelle. Erst war sie noch von Brennnesseln umrankt sowie wild, gestapeltes Nagelholz lag rum und mittendrin ein Berg Asche mit noch mehr Nägeln. Es galt also zuerst den Platz zu erobern, wobei wir ordentlich aufräumten. Insbesondere hatte der Chris Lust, da zu feuern und dann auch zu graben.

„It wasn’t me…!“ – Chris im Grabungsfieber

Engländer können eine unglaubliche Begeisterung entfalten, im Dreck zu graben. Chris war es denn auch, der sich intensiv um den Ofenbau des „original blood moon fou kiln“ in brütend heisser Hitze kümmerte (in derselben Woche war auch die Mondfinsternis 2018!). Für den Brand der Reliefkacheln sollte es gemäss Internet möglich sein, den Ton in weisser und schwarzer Färbung hinzubekommen. Die Farbe sei durch den gewissen Verbrennungsprozess mit und ohne Sauerstoffzufuhr, zu erreichen… Diese Herausforderung nahmen wir an, und letztlich brauchten wir nur noch die edlen Ton-Platten zu erstellen, wofür wir den Workshop einberiefen.

 

7. Wie war das mit dem Fliesen-Workshop?

Für einen Nachmittag haben wir alle Ferien(s)passagiere eingeladen zum Tonen von einem Relief. Es war die Aufgabe jedes und jeder einzelnen, einen eigenen Ansatz für ein Relief zu finden. Wir besprachen, welche Hinweise sich im Schloss entdecken liessen, doch sollte jeder sich auch draussen umsehen. Ein vergnüglicher Nachmittag ergab sich daraus und für kurz verwandelte sich das Schloss mit Park in ein wuselndes Ateliercamp.

Danach mussten die Fliesen noch trocknen, weshalb wir sie zwischenzeitlich im super heissen Fou-Gewächshaus zwischenlagerten. Darauf folgten die Brennvorgänge. Technisch war die schwarze Färbung unsere Herausforderung. Der Chris-Ofen lief praktisch automatisch und diente gleichzeitig als Grill für das Blood-Moon-Dinner. An der Form der Kaminrohre kann man ablesen, dass wir zwei Mal das Experiment durchgeführt haben.

Und dann YEAH, flea, fly, fou!! Endlich kam der grosse Moment als wir den Schatz heben konnten; mit weissen und schwarz eingefärbten Fliesen!

Auf einzelnen sind sogar die Spuren vom Heu, das zur Verpackung diente, zu sehen. Die Bilder erzählen mehr! Wow, wir waren fast komplett erfolgreich!

 

Da geht was!

8. Chris, you helped Salome for her workshop building the kiln. What inspired you to participate in thisproject and build the kiln?

My experience in ceramic technology is limited and comes mainly from watching TV. I started to make clay models (mostly mermaids and dolphins, occasionally witches) with my daughters at the GZ Leimbach years ago when it was still located on the edge of the wild forest. Sabine of GZ Leimbach runs outdoor Raku burning sessions which remain legendary; I have never actually seen one occur in practice but I understand that she uses both wood and clay.

The design of the kiln we built at Fougerette has much to do with the british TV series “Time Team”. There, amongst others, old men in knobbly jumpers speak with a Somerset accent while digging up evidence of pottery on Roman or iron age sites. From time-to-time, artisans appear and attempt to manufacture replicas of the artefacts using the technology of the era.

Archaeologists work exclusively in pits and trenches so it was a sure bet that any pottery kiln of mine would be at least partly subterranean. We re-acted the TV series faithfully and can confirm the kiln was of Swiss-Roman origin; a high-status villa and rave complex was inferred from tiny fragments of glazed roofing tile and ceremonial glow sticks.

The project “ignited” at the Brocki, that is, when I found Salome in her summer dress with both arms (up to her elbows) inside lengths of sooty black stove pipe; not unlike the Tin Man from the „Wizard of Oz“ but somewhat dirtier. It was really great to see her so “inflamed” with enthusiasm when she found a cache of valuable chimney parts at the local Emmas joint.

It was a wonder how much scrap metal can be transported on a bicycle in the summer heat…

 

9. Letzte Frage an Salome: Was war Dein Traumberuf als Kind?

Am liebsten wollte ich Snowboarderin werden, weil sie so schöne Spuren in den Schnee zeichnet.

 

Liebe Salome, da schon Dezember, passt dieser Wunsch perfekt zur Jahreszeit… Vielen Dank fürs Interview und den wunderbaren Workshop! Herzlichen Dank auch an alle TeilnehmerInnen, die den Ton mit solcher Hingabe zu diesen wunderbaren Kacheln geformt haben – und last but not least an Chris (seit der Mechatronik-Woche 2014 regelmässiger Gast auf Fougerette), der Salome so tatkräftig unterstützt hat!

 

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